Probebohrung im Bereich der Decke des ehem. großen Residenzsaales
(06. April 2010)

 

Die Freisinger Residenz, heute Sitz des Bildungszentrums „Kardinal-Döpfner-Haus“, stellt neben der Domkirche das bedeutendste historische Gebäude der Stadt dar. Die Tradition der Residenzfunktion an dieser Stelle dürfte bis ins 8. Jahrhundert zurückreichen, also bis in jene Zeit, in der die bayerischen Agilolfinger-Herzöge dort eines ihrer Machtzentren hatten. Spätestens seit dem 9. Jahrhundert residierten hier die Bischöfe von Freising. In der frühen Neuzeit, vor allem im 16. und 17. Jahrhundert, wurde die unregelmäßige mittelalterliche Burganlage dem damaligen architektonischen Ideal entsprechend Schritt für Schritt zu einem regelmäßigen vierflügligen Schloss umgebaut.

Im Jahr 1668 ließ Fürstbischof Albrecht Sigismund von Bayern (reg. 1652-1685) im Residenz-Südflügel, der ab 1608 neu gebaut worden war, nachträglich einen großen, über zwei Geschosse reichenden barocken Saal einrichten, der aufgrund seiner Ausstattung u. a. mit 15 Kaiserportraits offenbar die Funktion eines Kaisersaales besaß. Der fortan schlicht als „Großer Saal“ bezeichnete Raum bildete das Zentrum der fürstlichen Repräsentation in Freising. Immer wieder ist von großen Festen im Saal die Rede.

 

[Bild] Probebohrung im Bereich der Decke des ehem. großen Residenzsaales

Bildergalerie starten: Klicken Sie auf das Bild! (16 Bilder) [Bild] Alte Pläne und Unterlagen als Basis der Arbeit [Bild] Erste Blicke mit dem Endoskop [Bild] Auch auf die Sicherheit wurde geachtet ... :-) [Bild] Florian Notter scheint zu sagen: "Was ist das?!" [Bild] Alle warten gespannt auf Ergebnisse [Bild] Einmal schauen reichte nicht, Florian Notter beim zweiten Anlauf. [Bild] Ein Blick von oben "durch" die Decke [Bild] Intensive Blicke durch den alten Dielenboden [Bild] Nun wollten wir genau wissen, wie der aktuelle Aufbau der Decke bzw. des Bodens ist. [Bild] Wir vergrößerten die Bohrung um die ersten Schichten genauer zu betrachten. [Bild] Natürlich wurde alles wieder fachmännisch verschlossen, Reinhard Fiedler bei der Arbeit. [Bild] Florian Notter sichtlich zufrieden mit der Arbeit. [Bild] ... und Andreas Adldinger ebenfalls. [Bild] Reinhard Fiedler bei letzen Feinheiten ...[Bild] ... und Michael Lutzenberger beim Beseitigen der Verunreinigungen.


Nach dem Ende der fürstbischöflichen Herrschaft 1802/03 wurde das Residenzschloss und somit auch der Saal von den bayerischen Kurfürsten bzw. Königen bei Jagdaufenthalten genutzt. Ein Teil des Gebäudes ging 1826 an das neu gegründete Freisinger Klerikalseminar, die alten Fürstenzimmer und der Saal zunächst jedoch noch nicht. Erst als das Klerikalseminar zunehmend an Raumnot litt, überließ König Ludwig I. diesem auch die restlichen Räume der Residenz. Weil ein so großer Saal offenbar vom Seminar nicht zu gebrauchen war, wurde er 1844 aufgegeben, d.h. durch Einbau einer Zwischendecke und verschiedener Zwischenwände auf zwei Ebenen in viele kleinere Zimmer unterteilt. Vergeblich hatten Freisinger Bürger, die den alten Saal als Tanzsaal benutzen, dagegen protestiert.

Immer wieder stellte sich die Frage, was denn damals mit der Saaldecke, über die man eigentlich nichts weiß, passiert ist. Wurde sie abgebrochen oder hatte man sie lediglich mittels einer Zwischendecke „abgehängt“, wie es etwa zur selben Zeit mit der Decke des sog. „Eckherzimmers“ in der Residenz oder auch derjenigen des sog. „Dekanatssaales“ in Weihenstephan passiert ist? Um welchen Deckentypus handelte es sich dabei: eine Kassettendecke oder eine stuckierte Decke? Um Aufschluss darüber zu erhalten, ob überhaupt noch Reste vorhanden sind, hat der Verein mehrere Probebohrungen im Bereich zwischen der Decke des heutigen 2. Obergeschosses und dem Dachboden vorgenommen. Unter fachkundiger Anleitung von Baustoffingenieur Andreas Adldinger wurden in bestimmten Abständen mehrere kleine Löcher gebohrt und eine beleuchtete Sonde eingeführt. Das Ergebnis stand relativ bald fest: Die Saaldecke wurde 1844 ganz beseitigt. Sobald wir die heutige Decke samt der darüber liegenden Schilfmatte durchstoßen hatten, gelangten wir schon in den mit allerlei Schutt angefüllten Fehlboden des Dachbodens. Auch im Randbereich gab es keinerlei Anzeichen auf Überreste der Decke.

Obwohl das Ergebnis in gewisser Weise enttäuscht hat, meinen wir, es wäre wichtig, den Saal als Raumkörper wiederherzustellen. Auch ohne historische Decke oder Deckenfragmente kann ein über zwei Geschosse reichender Saal eine Attraktion für das Bildungszentrum, den Domberg und ganz Freising sein. Ferner wäre die im Lauf des 19. und 20. Jahrhundert arg zerrüttete Raumdisposition der Barockzeit an einer entscheidenden Stelle wieder intakt.

 

Literatur
Baumgärtner, Anton: Meichelbeck´s Geschichte der Stadt Freising und ihrer Bischöfe. Neu in Druck gegeben und fortgesetzt bis zur Jetztzeit, 1854. Loos, Chris / Notter, Florian: Residenz Freising. Bildungszentrum „Kardinal-Döpfner-Haus“, Lindenberg im Allgäu 2008. Notter, Florian: Nahrungsmittelversorgung am fürstbischöflichen Hof in Freising im 18. Jahrhundert, unveröffentl. Magisterarbeit, 2007. Schwaiger, Georg (Hg.): das Bistum Freising in der Neuzeit (Geschichte des Erzbistums München und Freising 2) 1989.
Stadtbildpflege und Baukultur in Freising e.V.
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